Exildiscount. A boy named Drew. Tanzmusik und Sounddesign aus Berlin.

A guy named Drew. Tanzmusik und Sounddesign aus Berlin.



Alternative House/Techno. Indie Rock. Fancy Pop.

Soundlogos. Sounddesign. Filmmusik.



Booking contact: exildiscount@arcor.de


Donnerstag, 20. März 2014

Alternativlos

© Exildiscount, 2014

Der Weg des geringsten Widerstandes ist kilometerdick mit Angst und Dummheit gepflastert.

Ich bin Feminist, weil ich weiß, was ich darunter verstehe.
Wer denken kann und sich zu denken traut, braucht zum Leben keine Angst und keinen Populismus.

Mittwoch, 12. März 2014

2 cents and a kiss. Wie bei Inception, nur anders.



Als ich vorhin nach Hause kam und kurz einen Blick ins soziale Netzwerk warf, überkam mich ein Grinsen, gefolgt von dem Verlangen, dieses in ein paar Worte zu fassen.
Auslöser waren die Unmengen von sprichwörtlichen 2 cents, die sich im Newsfeed oder wie man das nennt mal wieder zu kleinen Häufchen türmten. Und ganz am Anfang war da ein Video, das scheinbar fremde Leute dabei zeigte, wie sie sich je paarweise gegenüberstanden und nach und nach die Scham zu überwinden versuchten, die entsteht, wenn man Intimität zulassen soll, ohne sich vorher kennengelernt zu haben.

In den letzten Tagen wurde dieses Video in meinem Netzwerkbekanntenkreis immer und immer wieder gepostet, meistens mit einem kurzen Kommentar der Rührung, der Belustigung oder der Sehnsucht. Irgendwann habe auch ich es mir angesehen, und ja, auch ich musste lächeln und war heiter. Weil es mir eine Schadenfreude in ihrer positivsten Variante war, zu beobachten, wie Menschen an ihre Grenzen stoßen und diese für einen Moment überwinden. Weil es sich um eine Art Harmonie mit Hindernissen handelte in dem Sinne, dass die Grenzüberschreitung geplant, abgesprochen und vor allem in zwei Richtungen geschah: Jeder brach mit Erlaubnis durch die Mauer des Anderen, musste zuvor aber erst seine eigene überwinden, und die ist vielleicht sogar noch viel dicker.

Natürlich wurden schon nach relativ kurzer Zeit auch Stimmen laut, die genervt waren von dem Geknutsche. Sei es, weil sie selbst zu sehr mit Liebeskummer beschäftigt waren, weil sie grundsätzlich nicht gerne knutschen (oder zumindest nicht gerne dabei zusehen, wenn andere es tun) oder weil sie sich gerne darüber aufregen, wenn so viele Menschen dasselbe tun. Also nicht knutschen, sondern ein Video toll finden und das in Netzwerken mitteilen.

Jetzt kriegen diese Stimmen auch noch Rückenwind und nehmen so richtig Fahrt auf, weil Medien wie BLN.FM oder die Blogrebellen nicht ganz unrichtig darauf hinweisen, dass es sich bei all den speichelintensiven Spontanannäherungen vor laufender Kamera nicht einfach um "echte" Kunst handelt (im Sinne von Kunst um ihrerselbst willen, aber was genau heißt das schon?), sondern um Werbung. Um virales Marketing für eine Modemarke. (Das sagen jedenfalls die Blogrebellen, und ich glaube ihnen, weil ich zu faul und/oder unter Zeitdruck bin, mehr als nötig für meine 2 cents zu recherchieren.)

All das finde ich für sich schon halbwegs unterhaltsam. Der tatsächliche und endgültige Auslöser meines Grinsens war aber die im BLN.FM-Artikel aufgeworfene Frage, was genau die Botschaft war, die der Auftraggeber über den Clip verbreiten wollte. Nicht weil ich die Frage doof finde und eine auf der Hand liegende Antwort darauf habe – nein, mein Grinsen war keineswegs ein überhebliches –, sondern weil es mich auf einen meiner Meinung nach interessanten weiterführenden Gedanken brachte.

Wenn ich die Sache mit dem viralen Marketing richtig verstehe (und da bin ich mir gar nicht mal unbedingt sicher, aber meine Vermutung reicht mir vorerst), dann geht es darum, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen, ohne aber als nach Aufmerksamkeit heischend wahrgenommen zu werden. Auf jeden Fall nicht auf den ersten Blick. Je etablierter und präsenter diese Form des Werbens aber wird, desto eher wird sie Unmut erzeugen unter denen, die sie zu durchschauen glauben. Und jetzt kommen wir endlich zu dem in der Überschrift erwähnten Film Inception. Dort geht es ja um das Sicheinschleusen in anderer Leute Träume, und da manche jener Leute sich dieser Gefahr bewusst sind, muss man einige Ebenen tiefer gehen, also Träume in Träumen in Träumen und so weiter entwerfen.

Vielleicht habe ich jetzt mit meinen 2 cents im Leser ganz große Erwartungen aufgebaut, sodass meine Pointe nur noch völlig überbewertet und bedeutungslos erscheinen kann. Aber es ist nun mal so: Ich bin kein großer Fan der Sache namens Marketing. Weil Marketing meiner Meinung nach zu oft eingesetzt wird, um weniger gehaltvolle Güter o.ä. als das Nonplusultra anzupreisen, während wirkliche Qualität und großer Inhalt grau und fad und anstrengend erscheinen. Ich weiß aber auch, dass es ganz ohne Marketing nicht geht und dass es auch hier einen gesunden Mittelweg geben muss, wie man ehrliche Inhalte hübsch verpacken kann, ohne laut und nervig und viel zu bunt zu sein.

Auf jeden Fall musste ich anerkennend grinsen, weil der Auftraggeber des Knutschvideos sich so gekonnt im Hintergrund gehalten hat, dass die Botschaft (vielleicht auch nur jene, dass es eine Firma mit diesem Namen gibt) erst dann zutage trat, als das Werk seine volle Wirkung entfaltet hatte. Denn der Backlash gehört zum Hype dazu. Überrasche die Welt mit einer positiven Botschaft und du wirst in kürzester Zeit Feinde haben. Ich will auch gar nicht über Neid oder sonstige Gründe spekulieren, sondern bloß diese Tatsache festhalten. Eine Firma, die einen viralen Hype erzeugt, wird also wie auch auf dem gewöhnlichen Werbeweg Antipathien wecken. Indem man sich aber so weit zurückhält, dass zwischen der Firma (und ihren Produkten) und dem Clip oder dergleichen keine erkennbare Verbindung besteht, dann sagt man vielleicht so etwas wie: "Guckt mal, hier habt ihr ein bisschen Cat Content." Oder so. Und flüstert beim Weggehen seinen Namen, als wäre er nicht weiter wichtig.

Zwischen all dem begeisterten Frohlocken des Hypes wird der Name ungehört untergehen. Da die Skepsis, die quasi im sich abkühlenden Backlash verstärkt zu Wort kommt, genau hinhört, wird am Ende sie, wird also die Kritik den Namen/die Botschaft verbreiten. Und dadurch, das ist zumindest mein Gedanke, kann man dieser Botschaft nur zu einem Bruchteil die schlechte Absicht vorwerfen, hätte schon der Hype sie verbreitet. Und das finde ich klug, darüer musste ich grinsen.

Zur Aufheiterung zum Schluss aber noch ein tolles Video. Also eigentlich nur ein tolles Lied mit nicht wirklich tollem Video. Aber als Musikstück einer meiner absoluten Lieblinge des letzten Jahres. Ellen Allien im Snuff Crew Remix: The Kiss.